Später Nachmittag in einer gemütlichen, verhältnismässig kleinen Albergue, die in einem Zisterzienserkloster untergebracht ist. Die Pilger haben ihre Wäsche gewaschen (von Hand natürlich, wie jeden Tag) und zum Trocknen in die Sonne gehängt, die Blasen an den Füssen sind versorgt, nach dem fast schon kollektiven Nachmittagsnickerchen kommt langsam wieder mehr Leben ins Klostergebäude aus dem 17. Jahrhundert. Viele schreiben Tagebuch. Da und dort beginnt man zu plaudern, es bilden sich Grüppchen, oftmals fein säuberlich und bequem nach Nationen beziehungsweise Sprachen geordnet oder nach bereits bestehenden Gruppen. Als Einzelpilger kann es anstrengender sein, meistens aber auch viel spannender. So finde ich mich plötzlich mit der spanischen Hospitalera (ehrenamtliche Mitarbeiterin der Herberge) und einer Pilgerin aus Korea am selben Tisch wieder. Die Hospitalera spricht weder Deutsch noch Koreanisch noch Englisch, die Koreanerin wenig Englisch, kein Deutsch und genau wie ich so gut wie kein Spanisch. Dieser Abend wird zu einem der vergnüglichsten und herzlichsten, den ich je hatte. Ich weiss nicht genau, wie das funktionierte, aber es funktionierte. Wir verständigten uns mit Herz, Händen und Füssen, den wenigen Worten in einer anderen Sprache, die wir irgendwo aufgeschnappt hatten, mit Grimmassen, Gesten, Zeichnungen, Geräuschen – das reinste Chaos. Aber wir verstanden uns. Und wir verstanden uns sehr gut. Wieder so eins von diesen wunderbaren, unerwarteten Geschenken, die der camino immer wieder für einen bereit hält.
28 August 2008
¿Hablas a little de toutes les Sprachen?
Später Nachmittag in einer gemütlichen, verhältnismässig kleinen Albergue, die in einem Zisterzienserkloster untergebracht ist. Die Pilger haben ihre Wäsche gewaschen (von Hand natürlich, wie jeden Tag) und zum Trocknen in die Sonne gehängt, die Blasen an den Füssen sind versorgt, nach dem fast schon kollektiven Nachmittagsnickerchen kommt langsam wieder mehr Leben ins Klostergebäude aus dem 17. Jahrhundert. Viele schreiben Tagebuch. Da und dort beginnt man zu plaudern, es bilden sich Grüppchen, oftmals fein säuberlich und bequem nach Nationen beziehungsweise Sprachen geordnet oder nach bereits bestehenden Gruppen. Als Einzelpilger kann es anstrengender sein, meistens aber auch viel spannender. So finde ich mich plötzlich mit der spanischen Hospitalera (ehrenamtliche Mitarbeiterin der Herberge) und einer Pilgerin aus Korea am selben Tisch wieder. Die Hospitalera spricht weder Deutsch noch Koreanisch noch Englisch, die Koreanerin wenig Englisch, kein Deutsch und genau wie ich so gut wie kein Spanisch. Dieser Abend wird zu einem der vergnüglichsten und herzlichsten, den ich je hatte. Ich weiss nicht genau, wie das funktionierte, aber es funktionierte. Wir verständigten uns mit Herz, Händen und Füssen, den wenigen Worten in einer anderen Sprache, die wir irgendwo aufgeschnappt hatten, mit Grimmassen, Gesten, Zeichnungen, Geräuschen – das reinste Chaos. Aber wir verstanden uns. Und wir verstanden uns sehr gut. Wieder so eins von diesen wunderbaren, unerwarteten Geschenken, die der camino immer wieder für einen bereit hält.
21 August 2008
Am Morgen II
(WZ-Kolumne)
"Am Morgen" gelesen? Die pure Pilger-Idylle in Frankreich? Ich muss sie revidieren. Seit ich in Spanien unterwegs bin, kann ich von solchen Morgen leider oft nur noch träumen. Ich möchte Ihnen deshalb nun auch die weniger idyllischen Seiten des Pilgerns nicht vorenthalten:
Erwachen durch das nervöse Licht der Taschenlampen, aufgeschreckt durch das Gequietsche und Gerüttle der Kajütenbetten. Fremde Wecker.
Aufbrechen, schon wieder so früh! Jeden Tag früher habe ich den Eindruck. Die Sonne brennt mir bereits nach wenigen Stunden im Rücken. Sie jagt mich in die richtige Richtung. Einen Platz für eine Pause erhaschen - da muss man sich sputen. Aber auch eine Autobahnbrücke spendet Schatten. Ich versuche den Lärm der vorbeirauschenden Autos auszublenden.
Es ist schwer, es langsam anzugehen am Morgen. Das richtige Tempo? Ich fühle mich verfolgt von Pilgern, bin eingeklemmt zwischen ihnen. Vor mir, neben mir, um mich herum nichts als Pilger. Hier und dort wird geplaudert, gequasselt, "gschnäderet". Mir war noch nie klarer, dass diesen Weg schon Millionen gegangen sind und ihn noch gehen werden. Dazu setzen mir lärmige, stinkende Strassen zu. Ein Wunder, wenn mal eine Minute Ruhe ist. Ich lenke mich ab mit Gedanken ans Wiedersehen mit meinen Lieben, es sind ja bloss noch 200 Kilometer. 200 Kilometer? Meine Güte, ein Katzensprung! Doch lange kann ich nicht bei diesen Gedanken verweilen. Ich weiss nicht mehr recht wie atmen, die Abgas-getränkte, heisse Luft brennt mir in der Nase und im Hals. Bin ich nun Pilgerin oder Gefolterte?
Und trotzdem gehe ich weiter, immer weiter. Auch irgendwie magisch, oder?
14 August 2008
Typologie des Pilgers
(WZ-Kolumne)
Typ 1 - Der hightech-Pilger: In seine Ausrüstung hat er viel Zeit und vor allem viel Geld investiert. Er zieht leichte, moderne Materialien vor. Alles was er dabei hat, ist höchst strapazierfähig, neu auf dem Markt, atmungsaktiv, und eben ganz wichtig: hyperleicht. Im Rahmen seiner intensiven Vorbereitung hat er gelesen, leichte Materialen seien besser für die Pilgerei. Dumm nur, dass zuviel Leichtes auch schwer wird.
Typ 2 – Der Tourist: Er schleppt seine gesamte Fotoausrüstung mit, stoppt alle 50 Meter um ein Foto zu schiessen und muss daher – so scheint er jedenfalls das Gefühl zu haben – die 50 Meter zwischen seinen Fotostopps jeweils fast rennen, damit er neben der ganzen Rumfotografiererei auch noch ein bisschen vorwärtskommt.
Typ 3 – Der Besserwisser: Ungefragt rät er, nein drängt er einem seine weisen Pilgerratschläge. Er ist zwar selber erst seit vier Tagen unterwegs und weiss nicht, dass es bei mir schon zwei, drei Tage mehr sind (wie sollte er, er lässt mich nicht zu Wort kommen), aber er ist ja ein gestandener, älterer Mann, der mit seinen Kumpels unterwegs ist, während ich armes junges Pilgerhuscheli ganz allein auf dem Weg bin. Ja, da muss er mir schon möglichst viel von seinem Wissen mitgeben.
Typ 4 – Frauen und normale Pilger: Das mag jetzt wohl etwas frech klingen, aber ich habe tatsächlich noch kaum weibliche Pilger des Typs 1 bis 3 getroffen. Frag nicht mich, warum das so ist, frag am besten Typ 3.
07 August 2008
Vom Regen in die Bratpfanne
Saint Jean-Pied-de-Port, endlich! Bald heisst es "Au revoir le chemin, hola el camino"! Nach wochenlangem Regenwetter in Frankreich nun auch die berechtigte Aussicht auf schönes, warmes Wetter in Spanien. Die Pyrenäen heissen mich willkommen und zeigen sich von ihrer besten Seite. Bei meinem Zwischenhalt auf 800 Metern die reinste Bergidylle und prächtiges Wetter. Ich kann mich kaum sattsehen an diesen wunderbar samtigen Hügeln! Und dieser Frieden! Ich geniesse die erhabene Ruhe der Bergwelt vor dem Sturm, der mich wohl oder übel auf der spanischen Seite mit den vielen Pilgern auf dem camino erwarten wird. Dann nehme ich die restlichen 600 Höhenmeter in Angriff. Im T-Shirt wie alle Pilger, Wandern gibt schliesslich warm, vor allem bergauf. Es geht höher und höher und wird kälter und garstiger. Auf 1400 Metern gerade noch 4 Grad, dicker Nebel, eisiger Wind, der Regen wie Nadeln auf den nackten Armen. Ok, vielleicht jetzt doch langsam eine Jacke anziehen. Man sieht nicht weiter als fünf Meter und muss sich ganz schön konzentrieren, dass man die Markierungen, die den Weg anzeigen, nicht verpasst. Mehrmals sinke ich knöcheltief im Matsch ein. Vielleicht mag ich die Pyrenäen doch schon nicht mehr so sehr. Doch die Aussicht auf den Sommer jenseits dieser Nebelsuppe motiviert mich. Irgendwann gehts nur noch abwärts und wird tatsächlich auch langsam wieder etwas wärmer. Am nächsten Tag bin ich schon wieder auf 400 M.ü.M. Ich gehe lange Strecken auf Asphalt, die Sonne brennt schon um zehn Uhr morgens. Sie saugt mich aus fast wie die Mücken damals im Horrorwald in Frankreich. Irgendwie vermisse ich die Pyrenäen.
31 Juli 2008
Haben und Sein
(WZ-Kolumne)
Ein Wunder mit wie wenig man auskommt. Die Kleider, die ich dabei habe, zum Beispiel - sie passen in einen Plastiksack. Obwohl ich mich schon längst daran gewöhnt habe, erstaunt es mich doch ab und an, wenn ich mein bescheidenes Hab und Gut auf einem Bett ausgebreitet sehe.
Warum muss es zu Hause denn immer das zehnfache des eigentlich Nötigen sein? Die Kleider, die ich dort habe, passen nur knapp in meinen riesigen Schrank! Wieso ist meine Wohnung in der Schweiz übervoll mit Dingen, die ich ja ganz offensichtlich gar nicht zum Leben brauche?
Ich könnte ohne Weiteres die Hälfte weggeben und hätte immer noch zu viel. Auf dem Weg habe ich schon nach wenigen Tagen gemerkt, wie unglaublich befreiend es ist, praktisch nichts zu haben.
Gerade wenn ich an diesen Neubauten vorbeigehe, aus dem Ei gepellte Einfamilienhäuser, eingezäunt, der Rasen perfekt gepflegt und dazu wie selbstverständlich ein Swimmingpool. Fast täglich sehe ich sie. Alles sauber, die Liegen bereit, das Wetter passt. Nur, noch nie habe ich jemanden in einem dieser Pools baden sehen. Am Abend zur Feierabendzeit, wenn ich nach einem Tagesmarsch durch den schmalen unwegsamen Trampelpfad entlang einer grossen Strasse stampfe und die Autos einen Meter neben mir vorbeirasen, verstehe ich aufeinmal warum. All diese armen Leute müssen den ganzen Tag im Büro verbringen, um sich so einen Luxus überhaupt leisten zu können. Und wenn sie dann endlich zu Hause sind, haben sie keine Zeit, in Ihren teuren Pool zu springen, weil sie bestimmt den ganzen Abend dafür aufwenden müssen, ihren Rasen so perfekt zurechtzumähen.
24 Juli 2008
Das Wandern ist des Müllers Lust...
(WZ-Kolumne)
...es kann aber auch ganz schön lästig werden. Von den Pilgerhorden hatten wir es ja bereits; da gibt es aber noch einiges. Stell dir nur mal vor, es regnet seit mehr als einer Woche täglich. Zwar meistens nur kurz, dafür aber heftig. An all den wunderschönen, stark frequentierten Wanderwegen geht das natürlich nicht spurlos vorbei. Fertig Magie des Wegs. Jetzt kommt dicke Post. Deine Wanderschuhe musst du alle paar Meter vom Schlamm befreien, wenn du ihn nicht kiloweise mitschleppen willst.
Bei jedem Schritt darfst du entscheiden, ob du bis zu den Knöcheln im Matsch versinken, oder doch lieber ein Ausrutschen riskieren willst (gut, wenigstens wäre der Fall ein weicher). Dann führt uns unser geliebter Weg natürlich nicht in die Nähe einer asphaltierten Strasse, die wir unter diesen Umständen für einmal mit Handkuss nehmen würden, nein, er macht mit uns noch einen netten kleinen, 7km langen Abstecher durch einen dunklen, feuchten Wald, in dem nur jemand sich zu Hause fühlt: Mücken! Willkommen auf Schwierigkeitsstufe drei: neben Steckenbleiben und Ausrutschen, gilt es nun auch noch sich effizient gegen die Blutsauger zu wehren. Durch das stete Abwimmeln der Mücken mit der einen Hand (die andere führt den Wanderstock) wird es nicht unbedingt einfacher, die Balance auf dermassen glitschigem Terrain zu halten. Doch, du magst es verstehen, geneigte Leserin, geneigter Leser, dass ich mir die Frage in solchen Momenten scheu zu stellen wage: Was tue ich hier eigentlich?!
18 Juli 2008
Pilgern à la carte
(WZ-Kolumne)
Pilger sind ein friedliches und interessantes Volk. Man findet immer wieder Leute mit der gleichen Wellenlänge und ist auch als Einzelpilger nie wirklich allein, wenn man nicht will. Doch manchmal fangen sie auch an mich zu nerven, diese Horden von Pilgern. Gewisse jedenfalls. Viele Franzosen zum Beispiel machen nur Etappen von ein oder zwei Wochen auf dem Jakobsweg im eigenen Land. Da sie zudem oft in grösseren Gruppen unterwegs sind und sich ihre Plätze in den Gîtes (so heissen die Pilgerherbergen in Frankreich) schon weit im Voraus reserviert haben, kann man als Einzelpilger schon mal Schwierigkeiten bekommen, noch Unterkunft zu finden. Viele von ihnen können es sich leisten, sich das Gepäck per Auto von Etappe zu Etappe nachführen lassen (und was diese Sorte Pilger auf die Reise mitnimmt, IST Gepäck und nicht bloss ein Rucksack!), also frage ich mich, warum sie sich nicht auch ein Hotel leisten anstatt uns weniger gut betuchten Pilgern die billigen Plätze in den Gîtes wegzuschnappen.
Erschreck nicht, der Weg macht einen im Allgemeinen schon eher ruhiger und friedfertiger, aber wenn ich diese Sonntagsspaziergänger dann jeweils am frühen Morgen mit ihren neuen, leichten Turnschühchen und kleinen Lunch-Rucksäckchen auf ein 16 Kilometer-Etäppchen davonhüpfen sehe, während ich meinen 10 Kilo-Rucksack und meine verdreckten Wanderschuhe anschnalle und mich gemächlich auf den Weg mache, bringt mich das einfach auf die Palme!
11 Juli 2008
Am Morgen
Mit dem Sonnenaufgang und Vogelgezwitscher aufwachen. Kein Wecker. Aufbrechen, wieder und wieder, jeden Tag weiter - "Ultreïa!", so singen es die Pilger seit Jahrhunderten. Es langsam angehen. Spüren welches Tempo heute das Richtige ist. Gedanken kommen und gehen lassen. Plötzlich überrascht feststellen, dass man die letzten paar Minuten überhaupt nichts gedacht hat - welch eine Ruhe! Die Sonne im Rücken gegen Westen gehen; sie schiebt mich an in die richtige Richtung. Es zieht mich dahin, ich kann es nicht erklären. Schon mal kurz von der Freude kosten, die mich am Ziel erwartet, oder beim Wiedersehen mit meinen Lieben. Was ich alles zu erzählen haben werde! Aber nicht zu lange schwelgen. Es sind ja noch 1000 Kilometer. 1000 Kilometer? Verrückt...Die frische Luft trinken. Das verheissungsvolle, morgendliche Licht in den Feldern, auf den Hügeln, vor mir, neben mir, um mich herum nichts als Natur, so weit ich sehen kann. Kein anderer Mensch weit und breit, kein Lärm, keine Autos. Bin ich nun Königin oder Pilgerin?
Einen schönen Platz für die erste kleine Pause entdecken; als ob er auf mich gewartet hätte. Nur auf mich, gerade heute und jetzt in dem Moment. Ich fühle mich willkommen. Das Gefühl haben, der erste Mensch zu sein, der hier vorbeigeht und es geniessen, wohlwissend, dass schon Millionen vor mir diesen Weg gegangen sind. Ob es wohl deshalb ist, dass ich mich so aufgehoben fühle? Ich sehe niemanden, aber ich bin nicht allein. Das ist die Magie des Wegs.
